Interview Dr. med. Mir Abolfazl Ostad

Interview Dr. med. Mir Abolfazl Ostad

Die Corona-Pandemie hat unseren Alltag auch in diesem Jahr stark geprägt. In der Kreisklinik Groß-Gerau begleitet uns Covid-19 nach wie vor. Dr. med. Mir Abolfazl Ostad ist Chefarzt der Inneren Medizin und leitet die Corona-Station unseres Hauses. Er blickt mit uns auf das zu Ende gehende Jahr zurück, berichtet uns von seinen Erfahrungen mit dem Virus und teilt seinen Blick auf Long Covid und andere Themen, die ihn und sein Team beschäftigen, mit uns.

 

Herr Dr. Ostad, das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu. Zeit, auf die vergangenen Monate zurückzublicken…
Ohne Zweifel intensive Monate. Seitdem ich im März an die Kreisklinik gekommen bin, ist viel passiert; zu Beginn die dritte Welle. Glücklicherweise konnten wir durch die ersten Impfungen viel erreichen. Obwohl wir noch einige Menschen auf der Station hatten, konnte das Team gut von den Erfahrungen aus den vorherigen Monaten profitieren. Durch die Impfkampagne sahen wir außerdem so etwas wie ein Licht am Ende des Tunnels. Das hat sehr geholfen.

 

Wieso haben sie sich eigentlich für die Kreisklinik, einen kleinen Grundversorger, entschieden? Lange haben Sie an großen Universitätskliniken gearbeitet, wie zum Beispiel in Hamburg, Mainz oder Teheran.
Tatsächlich hatte ich überlegt, in meine zweite Heimat, nach Hamburg, zurückzukehren. Doch der Reiz eines kleineren Hauses war groß. Ich wollte für meine Patienten vom Anfang bis zum Ende der Behandlung da sein, auch den persönlichen Kontakt pflegen. Der Patient ist in diesem Haus keine Fallnummer, sondern ein Mensch mit individuellen Bedürfnissen. Außerdem erzählte mir die Geschäftsführung im Gespräch, dass meine eigene Gestaltung auch über Disziplinen und Fachbereiche hinweg ausdrücklich erwünscht sei; immerhin befindet sich die Kreisklinik auf dem Weg zum Intersektoralen Versorgungszentrum und damit im ständigen Wandel. Das hat mich gereizt. Der Eindruck der Zuverlässigkeit von der Geschäftsführung hat in diesem Zusammenhang auch eine wichtige Rolle gespielt.

 

Dabei stand die Kreisklinik Anfang 2021 vor Herausforderungen. Die Pandemie lastete schwer auf einem Haus, das gerade aus der Sanierung kam. Hat Sie das nicht abgeschreckt?
Das war nicht mein erster Gedanke. Vielmehr sah ich ein Haus, das trotz aller Schwierigkeiten neue Wege geht und für die Menschen da ist. Und das keine Angst hat, auch die eigenen Schwächen anzusprechen. Das hat mich sehr beeindruckt. Die Ehrlichkeit des Hauses hat die Suche nach einer Herausforderung in mir stark geweckt. Es hat mich gereizt, spezielle Aufgaben in einem kleinen Team mit flacher Hierarchie von Anfang bis Ende durchzuführen.

 

Was kam für Sie nach der dritten Welle?
Manche Dinge merkt man erst, wenn sich die Lage beruhigt. Trotz aller Herausforderungen der dritten Welle für die Klinik und die Corona-Station habe ich richtig gemerkt, wie ich in dieser Zeit mit meinem Team, wie eine Familie, zusammengewachsen bin. Das hat mir Rückenwind für meine neue Aufgabe als Chefarzt gegeben. Als die Situation sich dann etwas entspannt hatte und die Impfkampagne ihre Wirkung entfaltete, traten neue Themen auf die Tagesordnung.

 

Wie zum Beispiel…?
Wir sehen jetzt Ungeimpfte, die auf die Station kommen. Manche können wir noch überzeugen, sich im weiteren Verlauf impfen zu lassen, andere nicht. Themen, die in den Hochphasen der Pandemie wohl oder übel trotz ihrer Wichtigkeit in den Hintergrund treten mussten, können jetzt wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. In der Inneren Medizin können das zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Lungenprobleme sein. Behandlungen, die während Corona weniger im Fokus standen, können wir gerade nachholen.

 

Viele Menschen beschäftigt gerade die Folgen einer Corona-Infektion, insbesondere Long Covid. Was können Sie uns zu diesem Thema sagen?
Auch für uns in der Inneren Medizin steht Long Covid im Fokus. Wir haben es hier mit Erscheinungen zu tun, die noch gar nicht gut erforscht sind. Es gibt keine eindeutige Definition für das sogenannte Post-Covid-Syndrom. Dementsprechend können wir auch gar nicht entlang der klassischen Behandlungslinien therapieren. Es kommt vielmehr darauf an, jeden Fall individuell zu betrachten und in aktuellen Leitlinien anzuordnen.

 

Was ist hier zu beachten?
Ganz unterschiedlich ist der Beginn der Symptome. Auch können konkrete Symptome unterschiedliche Ursachen haben. Ein Beispiel: Atemnot kann man bei Long Covid auf gestörte Lungenfunktion oder auf eine Herzinsuffizienz zurückführen. Beides ist möglich. Wichtig ist, dass wir als Mediziner an alle Möglichkeiten denken und unser Wissen stetig mit den neuesten Forschungsergebnissen aktualisieren.

 

Was kann die Kreisklinik in dieser Situation tun?
Wir haben ein eingespieltes 17-köpfiges Team, das sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt und auch schon behandelt. Darüber hinaus sind wir mit unserer Kardiologie und der Pulmologie für diese Behandlung auch gut aufgestellt. Außerdem sind die Wege hier kurz, wir können interdisziplinär und individuell behandeln.

 

Herr Dr. Ostad, was ist ihr Ausblick für das kommende Jahr?
Es muss weiterhin und intensiv versucht werden, Falschinformationen aus dem Verkehr zu ziehen und die Verbreitung dieser Inhalte konsequent zu unterbinden. Hier sollten wir zum Beispiel mehr auf Info-Veranstaltungen setzen. Wenn wir es schaffen, dass die Impfquote bei 90% ankommt und die Impfkampagne beendet werden kann, ist unser gesellschaftliches Leben wieder wie vor der Pandemie möglich. Ich sehe die Impfung nach wie vor als einfachsten, praktischsten und günstigsten Ausweg aus der Covid-19-Pandemie.

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